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Lernende Organisation im KMU: wie ein Team aus dem Alltag lernt

«Lernende Organisation» klingt nach Managementseminar, nach Flipchart und nach einem Wort, das nach dem Workshop niemand mehr braucht. In einem KMU mit dreissig oder hundert Mitarbeitenden bedeutet es etwas viel Handfesteres: Nach sechs Wochen schaut jemand nach, ob eine Erwartung gehalten hat, und ändert etwas, wenn nicht.

Dazu braucht es zwei Dinge. Erstens eine Erwartung, die so aufgeschrieben ist, dass man sie prüfen kann. «Die Verkaufsleitung führt das Team» lässt sich nicht prüfen. «Die Verkaufsleitung entscheidet Rabatte bis 8 Prozent am selben Tag» schon. Zweitens einen festen Zeitpunkt, an dem geprüft wird, und eine Regel dafür, was danach passiert.

Wer beides hat, lernt aus dem eigenen Alltag. Die Organisation merkt früh, welche Annahmen tragen und welche nicht, und sie merkt es an der Stelle, an der es passiert, und nicht erst am Jahresende in den Zahlen.

§1

Annahmen aufschreiben, damit man sie prüfen kann

Jede Rolle beruht auf Annahmen. Die Geschäftsleitung nimmt an, dass die Verkaufsleitung über Rabatte entscheiden kann, dass der Innendienst den Lagerbestand vor einer Terminzusage prüft und dass Probleme in der Pipeline-Besprechung am Montag auf den Tisch kommen. Meist stehen diese Annahmen nirgends. Sie gelten einfach, bis etwas schiefgeht.

Eine lernende Organisation schreibt sie auf, und zwar als Situationen mit erwartetem Handeln und erwarteter Wirkung. Das Dokument dafür heisst bei uns Wirkungs-Massstab. Es ist keine Vorschrift, die für immer gilt. Es ist eine Hypothese darüber, wie die Rolle im Alltag wirken soll, und Hypothesen darf man widerlegen.

§2

Der Rhythmus: Woche 6, 12 und 26

Lernen braucht feste Zeitpunkte. Ohne sie wird geprüft, wenn es brennt, und dann ist es zu spät, um ruhig nachzudenken. Verglichen wird deshalb in Woche 6, 12 und 26, jeweils gegen denselben Massstab.

Woche 6 ist früh genug, um eine Abweichung zu besprechen, bevor sie sich festsetzt. Woche 12 zeigt, ob eine Massnahme gewirkt hat. Woche 26 zeigt, ob die Veränderung geblieben ist. Zu jedem Zeitpunkt schätzen die Person, das Team und die Leitung dieselben Situationen ein, jede Perspektive für sich.

Wie ein solcher Vergleich abläuft, beschreibt die Seite zum Vergleich in Woche 6.

§3

Was nach einem Vergleich passiert

Nach jedem Vergleich wird pro Situation entschieden. Stimmen Erwartung und Alltag überein, bleibt es dabei. Liegt die Lücke im Handeln, wird die Person an dieser Situation entwickelt, mit Übung am echten Fall. Liegt sie in Befugnissen, Abläufen oder Systemen, wird die Rolle angepasst.

Das eigentliche Lernen passiert aber am Massstab selbst. Nach einem Vergleich kann eine Annahme bestätigt sein, und dann bleibt sie. Sie kann zu ungenau gewesen sein, und dann wird sie präzisiert. Sie kann nicht mehr zur Realität passen, und dann wird sie verändert. Oder sie hat sich als falsch erwiesen, und dann wird sie verworfen. Eine Organisation, die ihren Massstab nie ändert, lernt nichts, sie kontrolliert nur.

§4

Wenn der Massstab selbst falsch war

Ein Beispiel: Für eine Verkaufsleitung steht im Massstab, dass sie mit einem Verkäufer, der Bestandskunden verliert, drei verlorene Kunden einzeln durchgeht, bevor über die Zahl geredet wird. Beim Vergleich zeigt sich, dass diese Situation niemand beobachten kann. Aus dem Team war nur der Verkäufer selbst dabei, und die Geschäftsleitung gar nicht.

Das Problem liegt hier beim Bezugspunkt, er ist schlecht gewählt. Er wird so umformuliert, dass jemand ihn beobachten kann, etwa über die Wirkung: Die Gründe für die Verluste sind im CRM festgehalten, bevor das nächste Quartal beginnt. Solche Korrekturen sind kein Scheitern. Sie sind der Normalfall, gerade in den ersten Wochen.

§5

Was die Führung dabei tut

In einer lernenden Organisation fragt die Führung zuerst nach den Bedingungen und erst danach nach den Personen. Wenn das Team eine Verkaufsleitung als zögerlich erlebt, lautet die erste Frage: Kann sie unter den gegebenen Bedingungen überhaupt so entscheiden, wie wir es erwarten?

Sie entscheidet innerhalb ihrer Befugnisse, nach jedem Vergleich, und sie hält fest, was sich ändern soll. Und sie lässt zu, dass der Massstab selbst korrigiert wird, auch wenn sie ihn einmal unterschrieben hat. Mehr über die Stelle, an der Erwartung und Alltag auseinanderliegen, auf der Seite Der blinde Fleck in der Organisation.

Fragen

Häufige Fragen

Braucht eine lernende Organisation eine eigene Stelle dafür?

In einem KMU nicht. Es braucht eine Person, die die Vergleiche terminiert und die Entscheide festhält, meist die Geschäftsleitung oder die zuständige Führungskraft. Der Aufwand liegt in wenigen Terminen pro Rolle und Halbjahr.

Was ist der Unterschied zum jährlichen Mitarbeitergespräch?

Das Mitarbeitergespräch schaut einmal im Jahr aus einer Perspektive auf eine Person. Der Vergleich schaut alle paar Wochen aus drei Perspektiven auf konkrete Situationen einer Rolle, und er kann auch zum Ergebnis kommen, dass die Rolle angepasst werden muss.

Wie merkt man, dass eine Organisation lernt?

Daran, dass sich ihr Massstab verändert. Wenn nach einem halben Jahr alle Bezugspunkte noch genau so dastehen wie am ersten Tag, wurde vermutlich geprüft, aber nicht gelernt.

Welche Annahme über eine Rolle würden Sie gerne prüfen?

Anlagen

Weiterlesen

  1. Anlage 1 Der blinde Fleck in der Organisation
  2. Anlage 2 Der Vergleich in Woche 6
  3. Anlage 3 Die drei Handlungsoptionen
  4. Anlage 4 Personalentscheidung als Hypothese