Grundlage für Auswahl und Steuerung

Der Wirkungs-Massstab

Ein Wirkungs-Massstab hält fest, welche Wirkung eine Rolle erzeugen soll und an welchen Alltagssituationen Sie erkennen, ob das gelingt.

Bei den meisten Neubesetzungen entscheidet sich in den ersten Wochen, ob es passt, und zwar in Situationen, die vorher niemand aufgeschrieben hat. Ein Kunde storniert kurzfristig. Zwei Führungskräfte beanspruchen dieselbe Ressource. Die Zahlen bleiben zwei Quartale hinter dem Ziel. Ein Anforderungsprofil sagt Ihnen nicht, was in diesen Momenten passieren soll. Ein Wirkungs-Massstab schon, weil er für solche Situationen geschrieben wird, bevor sie eintreten.

Was Anforderungsprofile nicht leisten

Ein Anforderungsprofil beschreibt, wie die Person sein soll: kommunikationsstark, unternehmerisch, teamfähig. Das Problem zeigt sich in der Praxis schnell. Zwei Personen mit demselben Anforderungsprofil handeln in derselben Situation völlig unterschiedlich. Die eine eskaliert einen Konflikt sofort zum Management. Die andere klärt ihn im Gespräch am Montagmorgen. Beide gelten als kommunikationsstark. Nur eine der beiden erzeugt die Wirkung, die die Rolle braucht.

Eine Stellenbeschreibung listet Aufgaben: Führung von zwölf Mitarbeitenden, Verantwortung für das Budget, Reporting an die Geschäftsleitung. Auch das beschreibt nicht, was passieren muss. Aufgaben sagen, wofür jemand zuständig ist. Sie sagen nichts darüber, was diese Person tut, wenn im Quartalsend-Meeting die Zahlen nicht passen oder wenn zwei Teamleiter denselben Kunden beanspruchen.

Der Wirkungs-Massstab setzt an einer anderen Stelle an. Er beschreibt nicht die Person, sondern die Situation und das erwartete Handeln darin.

Beispiele, wie dieselbe Anforderung sich in unterschiedliches Handeln übersetzt
Anforderung Wirkung in der Rolle
Kommunikationsstark Eskaliert einen Konflikt am Tag, an dem er entsteht, nicht am Ende des Quartals.
Unternehmerisch denkend Entscheidet über das Budget selbst, wenn die Geschäftsleitung nicht erreichbar ist.
Teamfähig Klärt einen Zuständigkeits-Konflikt zwischen Kolleginnen direkt, statt ihn an die Führung weiterzureichen.

Was im Dokument steht

Ein Wirkungs-Massstab hat immer dieselbe Struktur, unabhängig davon, ob es um eine Vertriebsleitung, eine Produktionsleitung oder eine Assistenzstelle geht:

  • 1

    Erwartete Wirkung: was am Ende sichtbar sein muss, formuliert als Ergebnis im Alltag, nicht als Eigenschaft.

  • 2

    Annahmen: worauf sich diese Erwartung stützt, damit sie überprüfbar bleibt und nicht zur Meinung einzelner Personen wird.

  • 3

    Drei bis fünf Situationen: konkrete, wiederkehrende Momente aus dem Arbeitsalltag der Rolle, mit dem Handeln, das darin erwartet wird.

Diese Situationen sind das Herzstück des Dokuments. An ihnen lässt sich später prüfen, ob ein Kandidat die erwartete Wirkung wahrscheinlich erzeugen wird, und ob eine bereits eingestellte Person sie tatsächlich erzeugt.

Konkretes Beispiel

Wirkungs-Massstab für eine Vertriebsleitung

So liest sich ein Ausschnitt in der Praxis: drei von fünf Situationen aus einem Massstab für eine Vertriebsleitung mit Ergebnisverantwortung in einem KMU.

Situation

Ein Grosskunde storniert eine Bestellung über CHF 200'000, drei Wochen vor Quartalsende.

Erwartetes Handeln

Die Vertriebsleitung informiert die Geschäftsleitung selbst, noch am selben Tag, mit einer ersten Einschätzung der Auswirkung und einem Vorschlag, wie die Lücke bis Quartalsende geschlossen werden kann.

Situation

Zwei Key Account Manager beanspruchen im Reporting denselben Neukunden für ihre Provision.

Erwartetes Handeln

Die Vertriebsleitung klärt den Fall innerhalb einer Woche direkt mit beiden Beteiligten, entscheidet nach den bestehenden Regeln und kommuniziert die Entscheidung offen im Team-Meeting.

Situation

Eine Vertriebsregion bleibt seit zwei Quartalen unter Ziel, obwohl der zuständige Mitarbeitende sich sichtbar anstrengt.

Erwartetes Handeln

Die Vertriebsleitung unterscheidet zwischen Marktproblem und Leistungsproblem, bevor sie handelt, und holt sich dafür innerhalb von zwei Wochen ein Bild direkt vor Ort oder im Gespräch mit Kunden der Region.

Wie ein Massstab entsteht

Der Aufbau beginnt mit einem Gespräch, nicht mit einem Fragebogen.

1

Session (60 Minuten)

Wir sprechen über die Rolle, ihre Ergebnisverantwortung und die Situationen, an denen sich in der Vergangenheit gezeigt hat, wer in dieser Rolle wirkt und wer nicht.

2

Ausarbeitung

Aus dem Gespräch entsteht ein erster Entwurf mit der erwarteten Wirkung, den Annahmen und den Situationen.

3

Abstimmung

Sie und, wo sinnvoll, die zuständige Führungskraft prüfen den Entwurf. Was nicht zur Realität der Rolle passt, wird korrigiert, bis der Massstab trägt.

Wofür Sie den Massstab danach nutzen

Der Massstab endet nicht mit der Unterschrift. Er wird zur Grundlage für die Kandidaten-Diagnostik: Jede Bewerberin und jeder Bewerber wird gegen dieselben Situationen geprüft, nicht gegen ein allgemeines Gefühl von Eignung. Er wird zur Grundlage für die Reviews in Woche 6, 12 und 26 nach der Einstellung, in denen Sie prüfen, ob die erwartete Wirkung tatsächlich entsteht. Und er wird zur Grundlage für die Entwicklung: Wo eine Situation regelmässig anders läuft als erwartet, wissen Sie genau, woran Sie arbeiten müssen, statt an einer vagen Kompetenz zu feilen.

Häufige Fragen

Nein. Ein Anforderungsprofil beschreibt Eigenschaften wie kommunikationsstark oder belastbar. Ein Wirkungs-Massstab beschreibt, was in konkreten Situationen der Rolle passieren muss und woran Sie erkennen, ob es passiert. Das eine beschreibt die Person, das andere beschreibt die Rolle.
Für Schlüsselrollen: Positionen mit Ergebnisverantwortung, mit Führung, oder Rollen, die Sie wiederholt besetzen. Für eine einmalige Stelle ohne grosse Tragweite reicht oft die kostenlose Erstsession, ohne dass daraus ein ausgearbeitetes Dokument wird.
In der Regel die Person, die die Rolle verantwortet, oft die Geschäftsführung oder die zuständige Führungskraft. Wo sinnvoll, ziehen wir auch jemanden hinzu, der die Rolle aktuell ausübt oder ausgeübt hat, weil dort oft die konkretesten Situationen herkommen.
Der Massstab wird angepasst. Situationen, die nicht mehr zur Realität der Rolle passen, werden ersetzt. Das passiert meist im Rahmen der Steuerung, wenn ein Review in Woche 12 oder 26 zeigt, dass sich die Erwartung an die Rolle verschoben hat.
Ja. Der Massstab prüft Wirkung, nicht Herkunft. Ob jemand intern befördert oder extern eingestellt wird, die Situationen und das erwartete Handeln bleiben gleich. Das macht interne und externe Kandidaten direkt vergleichbar.

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