Methode

Bezugspunkte definieren: Aus Erwartungen wird beobachtbares Verhalten

Eine der grössten Fehlerquellen im Management ist die Unschärfe von Sprache. Wir erwarten von Mitarbeitenden, dass sie "proaktiv", "kommunikativ" oder "strategisch" sind. Doch was bedeuten diese Begriffe in der Realität? Wenn die Führungskraft unter "proaktiv" versteht, dass ungefragt Vorschläge kommen, die Mitarbeiterin aber denkt, es reiche, Probleme schnell zu melden, ist der Konflikt vorprogrammiert.

360-Talents löst dieses Problem mit der Methode der Bezugspunkte. Dabei werden vage Erwartungen systematisch in konkrete, beobachtbare Situationen mit dem dazugehörigen erwarteten Handeln übersetzt, die Bausteine jedes Wirkungs-Massstabs. Dieser Artikel erklärt die Methode Schritt für Schritt und zeigt, wie Sie die Klarheit über Rollen in Ihrem Unternehmen deutlich erhöhen.

Schritt 1: Die erwartete Wirkung klären

Bevor wir konkretes Verhalten festlegen, müssen wir verstehen, wozu es dienen soll. Der erste Schritt ist immer die erwartete Wirkung der jeweiligen Rolle. Welchen Beitrag muss diese Rolle zum Ganzen leisten? Welches Problem löst sie dauerhaft für das Unternehmen? Ein Beispiel: "Reduktion der Kündigungsrate bei Schlüsselkunden durch frühzeitiges Erkennen und Adressieren von Unzufriedenheit." Diese Wirkung ist beschreibbar und an die Strategie gebunden. Erst wenn dieser Anker sitzt, lässt sich fragen, welches Verhalten notwendig ist, um diese Wirkung verlässlich zu erzeugen. Ohne diesen Schritt laufen Sie Gefahr, Verhalten festzulegen, das vielleicht sympathisch, aber für den Erfolg der Rolle nebensächlich ist. Ein zweites Beispiel aus der Produktion: "Reduktion der ungeplanten Stillstandzeit einer Fertigungslinie durch frühzeitiges Erkennen von Verschleiss." Auch hier ist die Wirkung konkret genug, dass sich später prüfen lässt, ob sie eingetreten ist, ohne dass jemand über die Persönlichkeit der Linienleitung diskutieren muss.

Schritt 2: Situation und Bezugspunkt verknüpfen

Ein Bezugspunkt ist nur dann wertvoll, wenn er beobachtbar ist. Ein häufiger Fehler: Eigenschaften beschreiben, "ist durchsetzungsstark", statt Verhalten in einer Situation. Die Formel für einen guten Bezugspunkt lautet: In Situation X zeigt die Person Verhalten Y. Bleiben wir beim Beispiel der Kündigungsrate: In welcher kritischen Situation entscheidet sich, ob die Rolle diese Wirkung erzielt? Eine solche Situation könnte das monatliche Check-in mit dem Kunden sein. Ein vager Anspruch wäre: "Führt gute Gespräche." Ein konkreter Bezugspunkt dagegen: "Wenn im Check-in ein Kunde eine Beschwerde äussert, validiert die Person zuerst das Problem, bevor sie Lösungen anbietet, und schickt innerhalb von 24 Stunden eine schriftliche Zusammenfassung." Ein weiteres Beispiel aus der Fertigungslinie von eben: Statt "ist aufmerksam" lautet der Bezugspunkt: "Wenn eine Maschine ungewöhnliche Geräusche macht, meldet die Linienleitung das noch in derselben Schicht an die Instandhaltung und dokumentiert Uhrzeit sowie Beobachtung."

Schritt 3: Prüfen, ob der Bezugspunkt objektiv ist

Der Lackmustest für einen funktionierenden Bezugspunkt ist seine Objektivierbarkeit. Könnten zwei unabhängige Personen dieselbe Mitarbeiterin in der beschriebenen Situation beobachten und ohne Rücksprache zum gleichen Urteil kommen, ob der Bezugspunkt erfüllt wurde? Enthält die Formulierung Wörter wie "angemessen", "gut" oder "überzeugend", fällt der Test meistens durch, weil diese Adjektive subjektiv bleiben. Ersetzen Sie die Adjektive durch Handlungen. Statt "argumentiert überzeugend" schreiben Sie: "Belegt jede Aussage mit mindestens einem konkreten Datenpunkt aus dem CRM." Diese Genauigkeit ist das Herzstück eines Bezugspunkts, der Willkür aus der Beurteilung nimmt und eine faire, nachvollziehbare Grundlage für Feedback schafft. Dieselbe Prüfung lohnt sich auch bei bereits bestehenden Bezugspunkten: Lesen Sie jeden Satz laut vor und fragen Sie sich, ob eine aussenstehende Person ihn ohne Zusatzwissen sofort verstehen würde.

Schritt 4: Bezugspunkte im Alltag nutzen

Die besten Bezugspunkte nützen nichts, wenn sie nach der Definition in einer Schublade verschwinden. Sie müssen zum aktiven Raster werden, durch das Führungskräfte den Alltag betrachten. Im Wirkungs-Massstab werden die Bezugspunkte zur Grundlage für 1-on-1-Gespräche, weil sie konkretes, belegbares Feedback ermöglichen. Erreicht jemand die erwartete Wirkung wiederholt nicht, wird nicht über die Persönlichkeit spekuliert. Stattdessen wird geprüft, welcher Bezugspunkt nicht erfüllt wurde, und der Vergleich zwischen erwartetem und beobachtetem Handeln führt zu einer von drei Antworten. Stimmen beide überein, ist es eine Passung, es braucht kein Eingreifen. Liegt die Lücke bei Handlungsfähigkeiten, lässt sich die Person gezielt entwickeln. Liegt sie bei Werten, ist die ehrlichere Antwort, die Rolle anzupassen, weil Werte ein Kompass sind und kein Werkzeugkasten, das man trainieren kann. So verwandeln Bezugspunkte Führung von subjektiver Meinung in eine strukturierte, nachvollziehbare Beobachtung.

Häufige Fragen

Wie viele Bezugspunkte sollte eine Rolle haben? +
Weniger ist mehr. Konzentrieren Sie sich auf drei bis fünf Situationen, die den grössten Hebel auf die erwartete Wirkung haben. Ein Katalog von zwanzig Bezugspunkten ist im Alltag nicht beobachtbar und überfordert alle Beteiligten.
Wer definiert die Bezugspunkte? +
Idealerweise ein gemeinsamer Prozess zwischen der zuständigen Führungskraft, der Person in der Rolle, falls sie bereits besetzt ist, und wo hilfreich HR. Wissenschaftliche Kompetenzmodelle, etwa nach Erpenbeck und Sauter, liefern zusätzlich eine objektive Grundlage für die Auswahl der Situationen.
Was tun wir, wenn sich die Marktbedingungen ändern? +
Zuerst prüfen Sie, ob sich die erwartete Wirkung der Rolle verändert hat. Ist das der Fall, passen Sie im nächsten Schritt auch die Bezugspunkte an. Der Massstab bleibt dynamisch, aber die Anpassung erfolgt immer strukturiert, von der Wirkung her, nicht umgekehrt.
Sind Bezugspunkte dasselbe wie ein Anforderungsprofil? +
Nein. Ein Anforderungsprofil beschreibt Eigenschaften wie kommunikationsstark oder belastbar. Bezugspunkte beschreiben, was in einer konkreten Situation der Rolle passieren muss und woran Sie erkennen, ob es passiert ist. Das eine beschreibt die Person, das andere beschreibt die Rolle.
Lassen sich Bezugspunkte auch nachträglich für eine bestehende Rolle definieren? +
Ja, und oft ist der Effekt dort am grössten. Wenn eine erfahrene Mitarbeiterin seit Monaten Signale sendet, dass etwas nicht rund läuft, hilft die nachträgliche Definition von Bezugspunkten, das diffuse Gefühl in eine konkrete, besprechbare Grundlage zu übersetzen, statt es weiter unausgesprochen zu lassen.

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