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Was Führungserfahrung im Anforderungsprofil verrät

In jedem zweiten Anforderungsprofil für eine Senior-Rolle steht ein Satz wie "mindestens acht Jahre Führungserfahrung erforderlich". Der Satz wirkt wie ein hartes Kriterium. In der Praxis ist er es nicht. Acht Jahre sagen nichts darüber aus, wie jemand geführt hat, in welchem Kontext, mit welchen Resultaten und welcher Wirkung auf das Team. Zwei Bewerberinnen mit identischer Dauer können sich in ihrem Führungsverhalten so stark unterscheiden, dass die eine das Team in zwei Quartalen aufblühen lässt und die andere es im selben Zeitraum still demontiert.

Trotzdem bleibt das Kriterium beliebt. Es ist messbar, vermittelt Sicherheit und lässt sich in einem Lebenslauf schnell überprüfen. Der Preis dieser Bequemlichkeit zeigt sich erst in der Geisterphase nach dem Onboarding, wenn das gewählte Profil zwar die Jahre mitbringt, im Alltag aber nicht greift. Dieser Beitrag schaut sich an, was hinter der Zahl steckt, warum sie täuscht und wie sich Führung beobachtbar machen lässt, bevor jemand startet.

Warum Jahre wenig über Führung sagen

Die Vorstellung, dass mit jedem zusätzlichen Jahr Führungsverantwortung auch die Führungsqualität wächst, hat etwas Tröstliches. Sie ist aber empirisch nicht belegt. Wer zehn Jahre lang ein Team von drei Leuten in einem stabilen Konzern geführt hat, in dem alle Prozesse vorgegeben waren, hat vermutlich seltener echte Führungsentscheidungen treffen müssen als jemand, der in fünf Jahren ein Team in einem rasch wachsenden Mittelständler aufgebaut, durchgesteuert und teilweise wieder umgebaut hat. Beide stehen mit ihrer Berufserfahrung im Lebenslauf, beide erfüllen das Kriterium "mehrjährige Führungserfahrung", und doch sind ihre Profile kaum vergleichbar.

Hinzu kommt, dass Führungserfahrung selten klar abgegrenzt ist. Manche zählen Projektleitung, Mentoring oder fachliche Verantwortung mit. Andere meinen ausschliesslich disziplinarische Personalverantwortung. Wieder andere addieren Phasen, in denen sie zwar formal geführt haben, ihre Energie aber in operatives Doing geflossen ist. Wer nur die Zahl im Anforderungsprofil verlangt, bekommt das, was die Bewerberin selbst als Führung interpretiert. Das deckt sich oft nicht mit dem, was die Rolle wirklich verlangt.

Was sich hinter dem Begriff wirklich verbirgt

Wer über Führung redet, meint oft drei Dinge gleichzeitig: das Treffen von Personalentscheidungen, das Steuern von Leistung im Alltag und das Halten einer Richtung, wenn der Druck steigt. Diese drei Fähigkeiten hängen nicht automatisch zusammen. Es gibt Führungskräfte, die in ruhigen Zeiten exzellent steuern, sobald aber zwei Themen gleichzeitig eskalieren, in Aktivismus oder Vermeidung kippen. Andere treffen klare Personalentscheidungen, scheitern aber daran, im Alltag konkretes Feedback zu geben. Auch das gilt als Führungserfahrung, sieht aber sehr unterschiedlich aus.

In Schweizer KMU verschärft sich das Bild weiter. Wer in einem Konzern geführt hat, hatte oft eine HR-Abteilung im Rücken, ein Coaching-Programm und einen klaren Karrierepfad für das Team. In einem KMU mit dreissig Leuten gibt es davon kaum etwas. Führung heisst hier, dass die neue Personalverantwortliche selbst die Konflikte moderiert, die Lohngespräche führt und gleichzeitig dafür sorgt, dass die Quartalsziele halten. Dieselbe Anzahl Jahre Führungserfahrung kann in beiden Welten etwas völlig Verschiedenes bedeuten.

Wie sich Führung beobachtbar machen lässt

Statt nach Jahren zu fragen, lohnt sich ein Wechsel der Perspektive. In welchen Situationen Ihrer Schlüsselrolle entscheidet sich, ob jemand führt oder nicht? Bei Konflikten im Team. Bei einem Kunden, der droht abzuspringen. Bei einer Mitarbeiterin, die nicht liefert. Bei einer schwierigen Lohnverhandlung. Bei einem Wechsel in der Strategie, der für Unruhe sorgt. Sobald Sie diese Situationen benennen können, lassen sich Handlungserwartungen formulieren, die über blosse Erfahrung hinausgehen.

Daraus ergeben sich strukturierte Fragen für das Bewerbungsgespräch und für die ersten Wochen im Job. "Erzählen Sie mir von einer Situation, in der ein Mitarbeiter über Monate nicht geliefert hat. Was haben Sie konkret getan, in welcher Reihenfolge, mit welchem Ergebnis?" Diese Frage liefert mehr Information als zehn Jahre im Lebenslauf. Sie zeigt, ob die Person Konfliktgespräche führt, wie schnell sie eskaliert und ob sie nach der Trennung selbstkritisch reflektiert. Wer Führung so sichtbar macht, hat im Vergleich zur reinen Jahreszahl einen anderen Massstab in der Hand.

Was sich ändert, wenn der Massstab konkret wird

Sobald Sie Führungserwartungen konkret formulieren, verlieren ein paar bisherige Reflexe an Gewicht. Der Eindruck im Gespräch bleibt wichtig, wird aber zur Hypothese statt zur Entscheidungsgrundlage. Die Anzahl Jahre wird zur Begleitinformation statt zum Filter. Und die Frage nach der "Persönlichkeit" wird durch eine andere ersetzt: Wie hat diese Person in vergleichbaren Situationen tatsächlich gehandelt, und welche Optionen hat sie verworfen?

Das führt zu schnelleren und klareren Entscheidungen im Auswahlprozess. Es macht den Unterschied zwischen zwei Bewerberinnen mit ähnlichem Lebenslauf sichtbar, weil deren Antworten auf situationsbezogene Fragen sehr unterschiedlich ausfallen. Und es liefert in den ersten Wochen nach dem Start einen vergleichbaren Massstab dafür, ob die Hypothese trägt. Wer das einmal erlebt hat, kehrt nur ungern zur Jahreszahl zurück.

Häufige Fragen

Heisst das, Führungserfahrung ist im Anforderungsprofil überflüssig? +

Nein. Die Information bleibt nützlich als Hintergrund. Sie taugt aber nicht als hartes Auswahlkriterium. Wer das Kriterium beibehält, sollte zusätzlich beobachtbare Handlungserwartungen für die konkrete Rolle formulieren, sonst entscheidet die Zahl mehr als die tatsächliche Wirkung im Alltag.

Wie viele Schlüsselsituationen sollte ich pro Rolle definieren? +

Drei bis fünf reichen in den meisten Fällen. Es geht um die Situationen, in denen sich tatsächlich entscheidet, ob die Rolle ihre Wirkung entfaltet. Mehr als fünf werden im Alltag nur selten erinnert und im Gespräch nicht mehr ehrlich abgefragt.

Was, wenn Bewerbende auf situative Fragen ausweichen? +

Das ist selbst eine Information. Wer keine konkreten Beispiele aus seinem Berufsalltag nennen kann, hat entweder weniger geführt als angegeben oder reflektiert sein Handeln nicht. Beides ist für Senior-Rollen ein Warnsignal, das Sie ohne strukturierte Fragen kaum bemerken würden.

Wie unterscheidet sich das von einem Eignungstest? +

Eignungstests messen Persönlichkeitsmerkmale und Präferenzen abstrakt. Strukturierte Fragen zu konkreten Situationen messen, wie jemand in einem realistischen Arbeitskontext gehandelt hat. Beides hat seinen Platz, wenn die Reihenfolge stimmt: erst der Massstab für die Rolle, dann die Diagnostik.

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