Kommunikativ als beobachtbare Handlung
Wenn Sie eine zufällige Auswahl von zehn aktuellen Stelleninseraten für Senior-Rollen in der Schweiz nehmen, wird in mindestens acht davon das Wort "kommunikativ" auftauchen. Mal als Adjektiv neben dem Profil, mal als Eigenschaft, die "ausgeprägt" sein soll, gelegentlich auch als "kommunikationsstark". Was die ausschreibende Person damit meint, bleibt offen. Das Wort steht im Profil, weil niemand bestreiten würde, dass es wichtig ist, und weil die Alternative, präzise zu beschreiben was eigentlich gemeint ist, mehr Arbeit macht.
Im Auswahlprozess fällt der Mangel selten auf. Die meisten Bewerbenden treten kommunikativ auf, sonst kämen sie nicht ins Gespräch. Im Alltag der Rolle zeigt sich dann, dass zwei Kommunikationsstile gegensätzlich wirken können, obwohl beide nach aussen "kommunikativ" wirken. Die eine informiert proaktiv, schreibt klare Memos und stellt unangenehme Fragen früh. Die andere redet viel, vermeidet aber harte Entscheidungspunkte und hinterlässt nach Meetings unklare Erwartungen. Beide gelten als kommunikativ, beide tragen die Rolle völlig anders.
Warum das Wort im Profil so wenig sagt
Der Begriff "kommunikativ" verbindet drei Dinge, die im Alltag häufig auseinanderfallen. Verbale Gewandtheit, also die Fähigkeit flüssig zu sprechen. Soziale Anschlussfähigkeit, also die Fähigkeit zu Menschen unterschiedlicher Hintergründe Kontakt aufzubauen. Und kommunikative Disziplin, also die Bereitschaft, im Alltag das auszusprechen, was unangenehm ist, aber gesagt werden muss. Wer einen dieser drei Aspekte gut beherrscht, gilt als kommunikativ. Wer alle drei beherrscht, ist selten und teuer.
Im Bewerbungsgespräch wird typischerweise die erste Dimension geprüft. Die Bewerberin spricht flüssig, hält Augenkontakt, antwortet strukturiert. Aus dieser Beobachtung wird der Schluss gezogen, sie sei kommunikativ. Was im Gespräch nicht geprüft wird, ist die Frage, ob sie auch dann klar kommuniziert, wenn der Inhalt unangenehm ist, das Gegenüber unter Druck steht oder die eigene Position kritisch wird. Genau dort entscheidet sich aber, ob eine Senior-Rolle trägt.
Was beobachtbares kommunikatives Handeln aussieht
Statt "kommunikativ" ins Anforderungsprofil zu schreiben, lohnt sich der Versuch, die erwarteten Handlungen konkret zu benennen. Eine Person in einer Schlüsselrolle ist kommunikativ, wenn sie zum Beispiel über kritische Status-Änderungen proaktiv informiert, statt zu warten bis gefragt wird. Wenn sie in Meetings nachfragt, bei denen etwas unklar ist, statt zustimmend zu nicken. Wenn sie nach jeder grösseren Entscheidung ein kurzes Memo schreibt, das festhält, was beschlossen wurde, was offen blieb und wer was bis wann macht. Wenn sie schwierige Themen im Vier-Augen-Gespräch früh anspricht, bevor sie zu Konflikten eskalieren.
Diese vier Beispiele beschreiben dasselbe Wort aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie sind beobachtbar. Sie lassen sich im Auswahlprozess gezielt erfragen, etwa indem nach konkreten Beispielen aus dem letzten Jahr gefragt wird. Und sie lassen sich in den ersten Wochen einer neuen Senior-Rolle prüfen, weil sie in jedem Alltag mehrfach pro Woche vorkommen. Wer das Wort "kommunikativ" auf diese Ebene bringt, hat einen Massstab, der trägt.
Wie sich das im Bewerbungsgespräch prüfen lässt
Strukturierte Fragen zu konkreten Situationen sind hier wertvoller als hypothetische Fragen. Statt zu fragen "Wie würden Sie ein schwieriges Gespräch angehen?", lohnt sich die Frage "Erzählen Sie mir von einem schwierigen Gespräch, das Sie in den letzten zwölf Monaten geführt haben. Wer war beteiligt, was war die Botschaft, wie haben Sie das Gespräch eröffnet, was war die Reaktion, was würden Sie heute anders machen?". Antworten auf solche Fragen liefern Information darüber, ob die Person tatsächlich kommunikative Disziplin hat oder nur kommunikatives Talent.
Eine zweite hilfreiche Frage zielt auf Memos und schriftliche Klarheit. "Welche Art von Notizen oder Zusammenfassungen schreiben Sie nach wichtigen Meetings? Können Sie mir ein Beispiel beschreiben?" Wer hier nichts oder nur sehr Allgemeines sagen kann, kommuniziert vermutlich nicht so strukturiert, wie das Anforderungsprofil suggeriert. Das ist keine Disqualifikation. Es ist eine Information, die Sie in der Entscheidung berücksichtigen können, statt sich von der Gewandtheit im Gespräch leiten zu lassen.
Was sich nach dem Start ändern lässt
Wenn Sie in den ersten Wochen einer neuen Senior-Rolle die Erwartung formulieren, dass nach jeder grösseren Entscheidung ein kurzes Memo entsteht und dass kritische Themen proaktiv angesprochen werden, geben Sie dem Wort "kommunikativ" eine konkrete Form. Sie können dann beobachten, ob diese Form entsteht. Sie können nach drei Wochen fragen, was die Person bisher schriftlich festgehalten hat. Sie können nach sechs Wochen fragen, welche unangenehmen Themen sie gegenüber dem Team oder dem Kunden bereits angesprochen hat.
Diese Reviews funktionieren nur, wenn die Erwartung vorab klar war. Wer erst nach drei Monaten erkennt, dass die neue Bereichsleiterin viel redet aber wenig klärt, hat ein Problem, das schwer zu adressieren ist. Wer von Tag eins an das beobachtbare Verhalten als Massstab gesetzt hat, kann nach vier bis sechs Wochen nachjustieren, bevor das Team sich an einen Stil gewöhnt, der nicht trägt.
Häufige Fragen
Lässt sich kommunikative Disziplin im Auswahlprozess wirklich erkennen? +
Mit hypothetischen Fragen kaum. Mit Fragen zu konkreten Situationen aus den letzten zwölf Monaten deutlich besser. Wer mehrere Beispiele liefert, die nachvollziehbar und selbstkritisch reflektiert sind, hat in der Regel kommunikative Disziplin. Wer ausweicht oder nur allgemeine Antworten gibt, hat sie selten.
Wie viele Kommunikationsdimensionen sollte ich pro Rolle definieren? +
Drei sind in den meisten Fällen genug. Welche das sind, hängt von der Rolle ab. Eine Bereichsleiterin braucht andere kommunikative Schwerpunkte als ein Vertriebsleiter oder ein Werkleiter. Wer die drei wichtigsten Dimensionen explizit macht, hat einen tragfähigen Massstab.
Was, wenn die Person im Gespräch wenig redet, aber gut schreibt? +
Das ist eine wichtige Information. Manche Senior-Rollen profitieren erheblich von Personen, die schriftlich klarer sind als verbal, weil sie schriftliche Klarheit im Team verankern. Andere Rollen brauchen verbale Präsenz im Tagesgeschäft. Die Passung zur konkreten Rolle entscheidet.
Hilft ein Eignungstest beim Thema Kommunikation? +
Ein Eignungstest liefert eine erste Hypothese darüber, welche Kommunikationspräferenz jemand hat. Er ersetzt aber nicht die Beobachtung, ob die Person im konkreten Arbeitskontext kommunikative Disziplin auch praktiziert. Erst die Verbindung von Diagnostik und beobachtbarem Handeln im Alltag ergibt ein belastbares Bild.