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Onboarding ersetzt keinen Massstab

Wenn ein Schweizer KMU eine Senior-Rolle erfolgreich besetzt hat, beginnt der Stolz auf das gut gemachte Onboarding-Programm. Strukturierter Plan für die ersten zwei Wochen, Termine mit allen Schlüsselpersonen, Übergabe-Dokumente, Mentoring durch eine erfahrene Kollegin, Einführung in die internen Tools. Wer das so aufgesetzt hat, hat eine wichtige Arbeit gemacht. Die ersten Wochen werden für die neue Person erträglich, das Team weiss, was zu tun ist, und es fühlt sich nach Sorgfalt an.

Sechs Monate später sitzen Geschäftsführerin und neue Bereichsleitung in einem unangenehmen Gespräch. Die fachliche Einarbeitung ist abgeschlossen, die Person ist in alle Prozesse integriert, sie kennt die Ansprechpartner und die Werkzeuge. Was fehlt, ist Klarheit darüber, ob sie in den entscheidenden Situationen ihrer Rolle die erwartete Wirkung entfaltet. Die Geschäftsführerin spürt, dass etwas nicht stimmt, kann es aber nicht greifbar machen. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem guten Onboarding-Programm und einem tragfähigen Massstab für den Alltag.

Was Onboarding leistet und was nicht

Ein gutes Onboarding-Programm löst eine bestimmte Klasse von Problemen. Es sorgt dafür, dass eine neue Person schnell weiss, wo sie sitzt, mit wem sie spricht, welche Tools sie nutzt und welche Routinen das Unternehmen pflegt. Es reduziert die Friktion der ersten Wochen und macht die Einarbeitung weniger zufällig. Diese Funktion ist real und sollte nicht klein geredet werden, weil sie Voraussetzung für vieles andere ist.

Was Onboarding nicht leistet, ist eine Aussage darüber, ob die Person in den entscheidenden Situationen der Rolle die richtige Wirkung erzeugt. Ein perfektes Onboarding kann mit einer Person zusammenfallen, die im Alltag die falschen Entscheidungen trifft. Es kann auch mit einer Person zusammenfallen, die zwar die richtigen Entscheidungen trifft, deren Stil aber nicht zum Unternehmen passt. In beiden Fällen wird das Onboarding seinen Auftrag erfüllt haben, ohne dass die Senior-Rolle ihre Wirkung entfaltet.

Aktivität ist nicht Steuerung

Wer ein Onboarding-Programm hat, sieht in den ersten Wochen viel Aktivität. Die neue Person trifft Menschen, beantwortet E-Mails, sitzt in Meetings, gibt Updates. Aus dieser Aktivität entsteht der Eindruck, dass die Einarbeitung gut läuft. Das ist aber ein Eindruck über Aktivität, nicht über Wirkung. Wer im Alltag mit fünfzig Menschen redet, wirkt engagiert, ohne dass man dadurch wüsste, ob die Gespräche zu den richtigen Themen geführt wurden. Wer schnell Memos schreibt, wirkt produktiv, ohne dass man dadurch wüsste, ob die Memos die richtigen Schlüsse enthielten.

Steuerung verlangt etwas anderes. Sie verlangt einen Massstab dafür, was in den entscheidenden Situationen der Rolle konkret passieren soll. Ohne diesen Massstab gleitet jeder Review-Termin in eine Diskussion über den Eindruck ab. "Sie wirkt engagiert", "er macht einen guten Eindruck", "die Stimmung im Team ist okay". Diese Aussagen sind nicht falsch, aber sie sind nicht steuerungsfähig. Wer die Aktivität sieht und keinen Massstab hat, kann nicht früh erkennen, wann etwas nicht trägt.

Was ein tragfähiger Massstab unterscheidet

Ein Massstab beschreibt für die konkrete Rolle, in welchen drei bis fünf Situationen sich entscheidet, ob die Person trägt. Für eine Vertriebsleitung kann das die Reaktion auf einen Schlüsselkunden sein, der droht abzuspringen, das Verhalten in einer Margenverhandlung mit dem grössten Abnehmer und die Steuerung einer schwächelnden Verkäuferin. Für eine Produktionsleitung kann das die Reaktion auf einen Lieferengpass sein, das Verhalten in einer Sicherheitsfrage und die Steuerung einer Investitionsentscheidung. Diese Situationen sind nicht hypothetisch, sie sind konkrete Bestandteile des Alltags.

Sobald diese Situationen benannt sind, lassen sich Handlungserwartungen formulieren, die im Alltag beobachtbar werden. Die Reviews verändern sich. Statt zu fragen, ob die Einarbeitung läuft, lässt sich fragen, wie die Person in den letzten zwei Wochen mit konkreten Eskalationen umgegangen ist. Diese Frage kann beantwortet werden, weil die Erwartung vorab festgehalten war. Aus diesem Vergleich entsteht Steuerbarkeit, die ein Onboarding-Programm allein nie erzeugen kann.

Beide haben ihren Platz, aber unterschiedliche Funktionen

Wer Onboarding und Massstab gegeneinander stellt, denkt das Verhältnis falsch. Beide werden gebraucht. Onboarding sorgt dafür, dass die neue Person nicht in einer leeren Landschaft startet. Der Massstab sorgt dafür, dass im Alltag der ersten Monate beobachtbar wird, ob die Hypothese aus dem Auswahlprozess trägt. Wer nur das Onboarding gut macht, hat eine angenehme Einarbeitung und bemerkt späte Probleme erst spät. Wer nur den Massstab definiert, hat klare Erwartungen, aber eine möglicherweise reibungsvolle erste Wochen.

In der Praxis lassen sich beide gut verbinden. Das Onboarding-Programm der ersten zwei bis vier Wochen läuft wie bisher, mit Strukturplan und Vorstellungsterminen. Parallel wird der Massstab in einem ersten Workshop zwischen Geschäftsführerin und neuer Person formuliert, oft schon vor dem ersten Arbeitstag. Aus diesem Massstab ergeben sich strukturierte Reviews ab Woche vier, in denen die Wirkung der Person an konkreten Situationen geprüft wird. Wer beide Ebenen sauber trennt, gewinnt eine Steuerung, die mit Onboarding allein nicht möglich wäre.

Häufige Fragen

Wann sollte der Massstab definiert werden? +

Idealerweise bevor die neue Person startet, gemeinsam zwischen ausschreibender Person und Vorgesetztem. Wer den Massstab erst nach drei Wochen formuliert, hat dann zwar eine Grundlage für spätere Reviews, verschenkt aber die Möglichkeit, von Tag eins an zu beobachten, was im Alltag entsteht.

Wie aufwendig ist die Definition eines solchen Massstabs? +

Für eine konkrete Senior-Rolle reichen typischerweise sechzig bis neunzig Minuten in einem strukturierten Workshop. Wer das ohne Methode versucht, braucht oft länger und endet bei abstrakten Formulierungen, die im Alltag wenig tragen.

Was, wenn das Team auf zusätzliche Reviews skeptisch reagiert? +

Reviews zum Massstab sind kein zusätzliches Bürokratie-Element. Sie ersetzen unstrukturierte Eindrucksgespräche, die ohnehin stattfinden. Wer das Team einbezieht und den Wert für alle Beteiligten erklärt, erlebt selten Widerstand. Klarheit über Erwartungen wirkt entlastend.

Funktioniert das auch ohne externe Begleitung? +

Ja. Die Methode funktioniert auch tool-frei mit Stift und Papier. Wer sie zum ersten Mal anwendet, profitiert von externer Moderation, weil typische Stolperfallen leichter umgangen werden. Nach zwei oder drei Anwendungen wird die Methode zur internen Routine.

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