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Was Referenz-Checks liefern, und was nicht

Am Ende eines Senior-Auswahlprozesses kommt fast immer der Anruf bei der angegebenen Referenz. Eine ehemalige Vorgesetzte, ein früherer Geschäftsführer, vielleicht auch eine direkte Mitarbeiterin von früher. Das Gespräch dauert dreissig bis sechzig Minuten, ist meist freundlich und wirkt aufschlussreich. Im Anschluss notiert die HR-Verantwortliche die wichtigsten Punkte, und die Führungskraft, die einstellt, fühlt sich in ihrer Tendenz bestätigt.

Was im Referenzgespräch tatsächlich gesagt wird, und was es über das künftige Handeln im neuen Kontext aussagt, sind zwei verschiedene Dinge. Wer sich auf Referenzen als entscheidende Bestätigung verlässt, übersieht oft, was das Format leistet und wo es strukturell schweigt.

Was eine Referenz tatsächlich beschreibt

Eine Referenz ist die Bestätigung von vergangenem Verhalten in einem anderen Kontext. Die Auskunftsperson berichtet, wie die Person in ihrem damaligen Team, mit damaligen Stakeholdern, in damaliger Marktphase, unter damaliger Führungsstruktur gearbeitet hat. Diese Information ist wertvoll, weil sie eine empirische Grundlage gibt, die der Lebenslauf nur in Stichpunkten andeutet. Sie ist aber gebunden an den Kontext, in dem sie entstanden ist.

Eine Vertriebsleiterin, die im früheren Haus drei Jahre lang vorbildlich mit einem stabilen Team gearbeitet hat, war damals erfolgreich in einer Konstellation, die sich aus Markt, Produkt, Team-Zusammensetzung, Geschäftsführung und Konkurrenz zusammensetzte. Im neuen Haus ist mindestens eine, oft fünf dieser Variablen anders. Die Aussage der Referenz, dass sie damals gut war, sagt nichts darüber, wie sie auf einen anderen Mix reagiert. Genau dort liegt die Lücke.

Hinzu kommt die Auswahl der Referenz selbst. Kandidaten benennen Auskunftspersonen, von denen sie wissen, dass sie wohlwollend sprechen werden. Das ist keine Manipulation, sondern eine vernünftige menschliche Vorbereitung. Es bedeutet aber, dass die Stichprobe der angegebenen Referenzen systematisch in Richtung positiver Auskunft verzerrt ist. Wer die letzten zwölf Monate im neuen Haus die operativen Schwächen der Person beobachten konnte, steht selten auf der Liste.

Was eine Referenz nicht leistet

Eine Referenz prognostiziert das Verhalten im neuen Kontext nicht. Sie kann es nicht, weil sie diesen Kontext nicht kennt. Die Referenzgeberin sieht die alten Stakeholder, das alte Team, die alte Hierarchie, das alte Produkt vor sich, und ihre Aussagen beziehen sich darauf. Das ist die methodische Grundgrenze des Formats.

Eine zweite Grenze betrifft die Art der Auskunft. Auch sehr ehrliche Referenzgeber tendieren dazu, in glatten Sätzen zu sprechen, die kaum zu widerlegen sind. "Sie war strategisch denkend", "er hatte ein gutes Gespür für Menschen", "sie war integer". Solche Aussagen lassen sich kaum überprüfen und decken ein breites Spektrum tatsächlicher Verhaltensweisen ab. Was darunter liegt, also wie die Person tatsächlich in der vierten schwierigen Woche eines Quartals gehandelt hat, kommt nur durch konkrete Nachfragen heraus, die viele Referenzgespräche scheuen.

Wie strukturierte Referenzfragen mehr herausholen

Wer Referenzgespräche systematischer führen will, baut sie um konkrete Situationen statt um Eigenschaften herum. Statt zu fragen, ob die Person teamfähig war, lohnt es sich, eine reale Situation aus der Vorgängerrolle zu benennen und die Referenz zu bitten, sie zu beschreiben. Welche Konfliktsituation gab es im letzten Jahr ihrer Tätigkeit, und wie hat sie damit umgegangen? Welche schwierige Personalentscheidung musste sie treffen, und wie ist sie vorgegangen? Welche Erwartung hat sie nicht erfüllt, und woran hat das gelegen?

Solche Fragen zwingen die Auskunft auf konkrete Vorfälle und liefern Material, das sich vergleichen und einordnen lässt. Es bleibt die Bindung an den alten Kontext, aber innerhalb dieses Kontextes wird die Information dichter. Je näher die beschriebene Situation an einer typischen Wirkungssituation der neuen Rolle liegt, desto übertragbarer wird die Aussage. Wer also vorab definiert hat, welche Situationen in der neuen Rolle in den ersten zwölf Wochen unausweichlich sind, kann die Referenzfragen entlang dieser Situationen führen und holt mehr aus dem Format heraus, als ein offenes Gespräch jemals liefert.

Welche Referenzen wirklich aussagekräftig sind

Manche Referenztypen tragen mehr als andere. Eine ehemalige direkte Vorgesetzte aus den letzten drei Jahren, die mit konkreten Vorfällen sprechen kann, liefert mehr als eine Geschäftsführerin aus einer Zeit vor sieben Jahren. Eine ehemalige Mitarbeiterin, die der Person direkt unterstellt war, liefert eine andere Perspektive als die Vorgesetzte selbst und ergänzt das Bild oft an einer Stelle, an der das Vorgesetzten-Bild schweigt. Eine externe Auskunft, etwa von einer Stakeholderin aus einem Kundenunternehmen oder einer Regulierungsbehörde, ist im Senior-Bereich besonders wertvoll, weil sie die Person aus einer Position betrachtet, in der die Auskunft nicht von einem Karriereinteresse gefärbt ist.

In der Praxis lassen sich solche Referenzen nicht immer arrangieren. Wo sie möglich sind, gehören sie ins Bild. Wo nicht, ist es ehrlicher, das offen zu benennen, statt die Standardreferenz aus dem Vorgängerhaus überzubetonen.

Wo Wirkungsdiagnostik die Referenz ergänzt

Referenzgespräche bilden das vergangene Verhalten in einem anderen Kontext ab. Wirkungsdiagnostik beschreibt das erwartete Verhalten im neuen Kontext und macht es in den ersten Wochen messbar. Die beiden Werkzeuge ergänzen sich an genau der Stelle, an der die Referenz strukturell schweigt.

Die Kombination sieht in der Praxis so aus. Vor dem letzten Gesprächsstand werden die vier bis sechs Wirkungssituationen für die Rolle formuliert. Die Referenzgespräche werden entlang dieser Situationen geführt, mit konkreten Fragen nach vergleichbaren vergangenen Vorfällen. Die Antworten ergeben einen ersten Anhaltspunkt, ob die Person im alten Kontext ähnlich gehandelt hat wie im neuen Kontext erwartet. Im Onboarding folgen strukturierte Reviews, die das tatsächliche Verhalten in den ersten Wochen gegen die Erwartung spiegeln. So wird die Referenz nützlicher, ohne dass sie mehr leisten muss als sie kann.

Häufige Fragen

Wie viele Referenzgespräche pro Senior-Kandidatin sind sinnvoll? +

Drei bis vier sind ein guter Rahmen. Eine ehemalige Vorgesetzte, eine ehemalige direkt unterstellte Mitarbeiterin, eine ehemalige Peer-Person und idealerweise eine externe Stakeholderin. Mehr Gespräche bringen oft wenig zusätzlichen Erkenntnisgewinn und bestätigen vor allem die bisherigen Eindrücke.

Sollen wir Referenzen telefonisch oder persönlich führen? +

Telefonisch ist Standard und in der Regel ausreichend. Persönlich oder per Video ist hilfreich, wenn die Auskunftsperson erkennbar zögert oder die Aussagen sehr glatt bleiben. Der nonverbale Eindruck kann dann zusätzliche Hinweise geben, die im reinen Telefonat verloren gehen.

Was tun, wenn die Kandidatin keine direkten Vorgesetzten als Referenz angeben will? +

Das ist ein berechtigtes Signal, das offen anzusprechen lohnt. Manchmal gibt es gute Gründe, etwa eine schwierige Trennung im aktuellen Haus. Manchmal verbirgt sich dahinter eine schwächere Vergangenheit. In jedem Fall lohnt es sich, die Frage direkt zu stellen, statt über die Lücke hinwegzugehen.

Wie verlässlich sind Referenzgespräche im Vergleich zu strukturierten Interviews? +

Studien zur prognostischen Validität geben Referenzgesprächen Werte zwischen 0.15 und 0.25, deutlich unter strukturierten Interviews mit Verhaltensankern. Das macht Referenzen nicht wertlos, aber es relativiert ihren Stellenwert in der Gesamtentscheidung.

Was kostet ein Tryout für eine Senior-Position? +

Das Tryout ist auf die Komplexität der Rolle und die Anzahl Stakeholder zugeschnitten. Wir besprechen den Rahmen kostenfrei in einem ersten Termin und zeigen, wie der Massstab und die Wirkungssituationen für Ihre konkrete Vakanz aussehen könnten.

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